Das Leiden an der Kirche aufopfern
marthe2010 19/05/2012 01:45:49
Propst Dr. Gerald Goesche: Askese beim Unkrautjäten
Das Elend in der Kirche – zumal in Deutschland – kann einen erdrücken. Aber die schlimmste Versuchung ist die Verzweiflung. Deshalb ist die Fastenzeit eine gute Gelegenheit zu erkunden, wie man es vermeidet, dieser Versuchung zu erliegen. Vom Elend der Kirche nicht erdrückt zu werden, ist in St. Afra sicher leichter als an vielen anderen Orten. Insofern hat unser Propst mit den folgenden Überlegungen leicht reden. Dennoch, wir dürfen uns die Hoffnung nicht rauben lassen, und die folgenden Gedanken zum Gleichnis vom Unkraut im Weizenfeld können dabei eine Hilfe sein.
Für uns junge Priester war der promovierte ältere Mitbruder eine echte Zuflucht, und ich denke heute noch gerne an ihn zurück. Er gab uns manche praktische und geistliche Anregung, und er hörte sich unsere Sorgen und Nöte an. Von denen hatten wir wahrlich genug, denn in unserer westdeutschen Diözese gab es schon Ende der 80er Jahre Mißstände, die andernorts erst später auftauchten: Laienpredigt und willkürlicher Umgang mit der Liturgie waren ebenso die Regel, wie „meßfreie Tage“ für Priester. So hatte ich auf meiner ersten Kaplansstelle nicht einmal einen Kirchenschlüssel, damit ich bloß nicht „privat“ zelebrierte und „damit die Gläubigen sich durch eingeschränkte und unregelmäßige Meßzeiten schon jetzt an die künftigen priesterlosen Zeiten gewöhnten ...“ Ich könnte Seiten mit solchen Gravamina füllen. Nur ein Beispiel noch: Auf meiner zweiten Kaplansstelle rutschte mir aus dem Schrank mit den Materialien für die Ehevorbereitung ein ganzer Stapel rosafarbener Broschüren entgegen: Reklame einer Pharmafirma, die beweisen sollte, daß natürliche Verhütung zu unsicher ist. Als ich mich beim nächsten Konveniat darüber beschwerte, wurde ich von den versammelten Mitbrüdern angeherrscht: „In welcher Welt lebst du eigentlich?“
Der verständnisvolle ältere Mitbruder hörte sich all die Schauergeschichten zunächst geduldig an, aber irgendwann – und ich glaube, viel zu früh – sagte er mir und den anderen Mitbrüdern, wir sollten doch mit den Klagen und den negativen Schilderungen aufhören. Das führe zu nichts, mache nur traurig und bedrückt. Vielleicht habe ich damals geahnt, daß er irgendwie Recht hatte. Aber der Leidensdruck war doch zu groß, und ich fand kein Hilfsmittel, um mit dem allgegenwärtigen kirchlichen Elend fertigzuwerden. Darüber kaum oder gar nicht mehr zu sprechen, klang ein bißchen nach „positiv Denken“, es hatte etwas Unwahrhaftiges.
Ein Vierteljahrhundert später denke ich immer noch, man darf nicht so tun, als ob es die Mißstände nicht gäbe. Wir dürfen das Elend unserem Herrn und Meister vor Augen stellen, wir dürfen auch mit geeigneten Personen darüber sprechen. Aber der ältere Mitbruder hatte doch nicht unrecht. Wenn wir dabei stehen bleiben, kann uns die Traurigkeit erdrücken, oder es entwickelt sich eine Lust am Skandal. Es besteht auch die Gefahr, in sehr ungeistlicher Weise gegen alles zu sein, was „die“ da so machen. Nur Dagegensein wird fruchtlos bleiben, ja, es kann geschehen, daß man sich von den Kategorien, den Tagesordnungspunkten, dem Tempo und der Tonart des Gegenübers bestimmen läßt. Man fühlt sich vielleicht sehr anti-modernistisch, aber diese Art Anti-Modernismus ist nur noch ein Siegelabdruck des Petschaftes Modernismus.
Gläubig zu sein heißt, die Wirklichkeit zu sehen wie sie ist – allerdings im Licht des Heiligen Geistes. In diesem Licht hat der hl. Thomas von Aquin erklärt, daß das Böse nur eine „Privatio“, also eine Beraubung des Guten ist. Der Teufel kann nichts Eigenes schaffen, aber er kann Lücken und Abgründe in das schöne, gute Sein reißen. Diese Lücken sollte man nicht übersehen, sonst fällt man unter Umständen hinein. Auch ständig auf sie zu starren, verzerrt die Perspektive, und hauptamtlich mit Beschwerden und Klagen dagegen anzurennen, kann wie das sprichwörtliche Bohren in der Wunde sein, welches nicht hilft, sondern das Elend nur größer macht. Es ist alte geistliche Regel, daß wir uns an der Sünde mitschuldig machen, die wir in die Öffentlichkeit zerren.
Jesus selbst gibt uns das beste Mittel, mit den Leiden der Kirche umzugehen: „Das Himmelreich ist gleich einem Manne, der guten Samen auf seinen Acker säte. Während aber die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut mitten unter den Weizen und eilte davon. Als nun die Saat aufging und Frucht ansetzte, zeigte sich auch das Unkraut. Da kamen die Knechte des Hausvaters und sprachen zu ihm: «Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt denn das Unkraut?» Er antwortete ihnen: «Das hat ein feindseliger Mensch getan.» Die Knechte fragten nun: «Willst du, daß wir hingehen und es sammeln?» Er antwortete: «Nein, ihr könntet sonst beim Sammeln des Unkrautes zugleich den Weizen mit ausreißen. Lasset beides wachsen bis zur Ernte. Zur Zeit der Ernte will ich dann den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Büschel zum Verbrennen; den Weizen aber bringet in meine Scheune.»“ (Matth. 13, 24-30)
Unser christliches Leben ist eben kein Unkrautjäten. Wenn wir gegen das Böse ankämpfen, dann zuerst bei uns selbst. Aber auch da ist die Flucht zu schönen und besseren Zielen oft das beste Mittel. Der hl. Philipp Neri etwa sagt, daß in den Versuchungen des Fleisches der Feigling, also Jener, der wegläuft, der größte Held sei. Und auch bei Unkonzentriertheit im Gebet wäre es ein schlechter Ratschlag, dagegen anzukämpfen. Nur die größere Liebe zu Christus, der Blick auf Ihn, wird heilen – nicht der Blick auf meine Schwächen.
Aber zurück zum Leiden an den Mißständen in der Kirche: Oft haben wir das Gefühl, nichts, aber auch wirklich gar nichts, dagegen tun zu können. Aber damit sind wir schon in der Falle des Versuchers, der uns zu modernem Aktivismus lockt. Tatsächlich ist das Leiden an den Wunden der Kirche an sich schon sehr wertvoll, ja, wenn es bewußt und liebevoll geschieht, nachgerade unschätzbar. Christus selbst hatte am Kreuz keine andere Möglichkeit „etwas zu tun“, als zu unserem Heil zu leiden. Darunter zu leiden, daß wir in der Kirche nichts ändern können, kann Teilnahme am Leiden des Herrn sein. Was könnte man Besseres für die Kirche tun?
Die Menschen dieser Welt halten es für das Entscheidende, Strukturen zu ändern. Und in der Tat, sie scheinen damit viel zu erreichen. Aber wir dürfen uns nicht irre machen lassen: Gute Strukturen sind wichtig und viele Strukturen, die heute vor allem in der deutschen Kirche eingerichtet werden, sind fragwürdigen Ursprungs und lassen schlimme Folgen befürchten. Dennoch sind Herz und Geist des Menschen entscheidend. Auch die beste Vorschrift und deren entschiedenstes Durchsetzen nützen nichts, wenn dem Menschen die Einsicht, ja, vielleicht sogar der Glaube fehlen. Darum brauchen wir das Gebet zum Heiligen Geist, der allein die Tiefe des menschlichen Herzens erreichen kann, und wir brauchen das Aufleuchten der Schönheit und Wahrheit des Glaubens an Jesus Christus, der das Gemüt erwärmt und den Geist erleuchtet. Nach einer solchen Umkehr, auf die unser Heiliger Vater so offensichtlich setzt, schmelzen falsche Strukturen so wie Berge, die nach dem Psalmisten wie Wachs vor dem Angesicht des Herrn schmelzen. (vgl. Ps. 96,5)
Eine große Versuchung ist auch, daß der Zusammenbruch des bürgerlichen Rechtsempfindens und die innerkirchlichen Verfallserscheinungen unser eigenes Streben nach Vollkommenheit relativieren. Dabei ist das Entscheidende, daß ich in meinem Leben zur Heiligkeit der Kirche beitragen kann, selbst heilig zu werden.
Schließlich gilt es, den Weizen zu düngen, damit er kräftig wird. Alles Gute, das wir in der Kirche unterstützen – vom Papst bis zu den kleinsten Aufbrüchen – ist tausendmal mehr Wert, als die eloquenteste Klage über das allgegenwärtige Elend unserer Kirche. Unser deutscher Papst macht es uns vor: Die unverkürzte, gewinnende und schlichte Darstellung des Glaubens ist das beste Nähr- und Heilmittel. Die vielen Suchenden bekommen endlich klare Antworten; wer im Glauben gefestigt ist, kann sich an dieser Quelle weiter kräftigen.
Ja, wir dürfen uns ausweinen, vor dem Tabernakel oder auch bei Vertrauten. Manches Unheil konnte in den letzten Jahren auch nicht ins Kraut schießen, weil es einen Aufschrei der Empörung im Internet und in anderen Veröffentlichungen gab. Dennoch ist es für die Gewissenerforschung von uns allen, denen die organische, der Überlieferung treue Entwicklung der Kirche am Herzen liegt, sicher heilsam zu prüfen, ob unser eigentliches Anliegen das kraftvolle Wachsen des Weizens ist. Das Leiden mit Christus, das Streben nach Heiligkeit, die Förderung und Wertschätzung kleiner Schritte und schließlich vor allem die Bezeugung des Glaubens nach dem Vorbild des Papstes sind wichtiger als Unkrautjäten. Möge der Herr uns die Gnade geben zu tun, was wir können: „Quantum potes, tantum aude!“











